Göttlichkeit ist eine Frage der Perspektive - Janusseite

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Man muss nur klein genug sein,
damit das Alltägliche Göttlich wird.

Es war an einem dieser frühen, kühlen Maitage, als ich geboren wurde. Der Frost hatte sich noch einmal auf Tulpen- und Narzissenblüten gelegt, das junge Grün mit Reif überzogen. Es war eine schwere Geburt. Kaiserschnitt. Eigentlich sollte ich zwei Geschwisterchen haben, aber sie und meine Mutter starben während der Geburt. So war ich Halbwaise. Mein Vater kümmerte sich nicht um mich, er war ein Hallodri.

Aber meine Tante, die auch gerade Babys bekommen hatte, nahm mich an Ihre Brust, gab mir Milch zu trinken. Meine Vetter und Cousinen mochten mich nicht - und ich sie auch nicht. Sie schubsten mich umher, wo sie nur konnten, knufften und vertrieben mich. Ich war die kleinste und jüngste unter Ihnen. Bald machte ich mich davon und suchte mir einen eigenen Platz zum Spielen. Ein Haufen Sand und eine Europalette waren bald meine Festung, meine sichere Burg. Wo ich mich versteckte und niemanden an mich heran ließ. Wenn ich Hunger hatte, stahl ich mir heimlich etwas bei meinen Stiefgeschwistern und brachte es schnell in meine Festung, wo ich es in Ruhe aufessen konnte. Es waren trübe Tage der Verlorenheit.

Eines Tages jedoch kam Er. Ich versteckte mich gerade hinter meiner Europalette. Doch er sah mich. Zeigte mit dem Finger nach mir und nahm mich schließlich in seine großen warmen Hände. Hob mich hoch wie eine Feder, schaukelte und streichelte mich, blies mir seinen warmen Atem ins Genick. Er roch wohlig warm, mutig und stark. Ich verkroch mich in seinem Arm, füllte ich noch nicht einmal eine seiner beiden Hände aus.

Später nahm er mich mit. Zu sich nach Hause. Meiner Familie weinte ich keine Träne nach. Bei Ihm bekam ich ein eigenes Bett, jeden Tag drei Mal etwas zu essen; nur für mich. Zu Trinken so viel ich wollte. Fast immer wusste er schon vorher, wann ich Pipi musste oder sonst einmal dringend nach draußen wollte. Täglich ging er mit mir spazieren und zeigte mir viele neue, merkwürdige Dinge

Er war riesengroß und bärenstark. Wenn ich nicht mehr laufen konnte, trug er mich. Meilenweit. Ohne nur ein wenig zu ermüden, unter seinem warmen weiten Mantel, den er mit mir teilte. Damals, als ich noch ganz jung war, hatte er volle dunkle Haare, lustige blaue Augen und ein paar Falten auf der Stirn. An seinen Schläfen waren die Haare schon ein wenig grau und ich bin sicher, er hätte auch einen grauen Bart gehabt, wenn er sich einen hätte wachsen lassen. Aber das, fand er wohl, würde ihn alt erscheinen lassen. - Aber er wurde niemals älter.

Und Er war mächtig. Er beherrschte Worte. Er konnte Licht in die Dunkelheit bringen. Feuer machen, wo immer er wollte und an bestimmten Stellen Wasser aus den Wänden sprudeln lassen. Er sprach mit Seinesgleichen, die nicht im Raum waren, die man weder riechen noch sehen konnte. Er zauberte bewegte Bilder von Personen und Landschaften in dunkle Kisten, um sie wieder spur- und geruchlos verschwinden zu lassen, ganz wie Er es wollte.

Er hat heilende Kräfte. Wenn ich krank war, gab er mir ganz besondere Dinge zu Essen. Manchmal fügte er mir dann kleine Schmerzen zu, um mir die Großen zu nehmen. Immer hielt er seine schützenden Hände über mich, wenn ich in Gefahr war, wenn ich ängstlich war, vor Gewitter, Sturm und prasselndem Regen. Er begleitete mich auf dunklen Pfaden und wusste immer - auch auf den längsten Wanderungen, wenn ich uns schon verloren glaubte - wieder einen Weg zurück, nach Hause.

Das wundersamste aber war und bleibt jenes merkwürdig brummende Zimmer, das Er besitzt und in das wir oft hinein gingen, die Türen schlossen und wenn wir sie wieder öffneten, waren wir an einem ganz anderen Ort. So konnten wir zu Hause das Zimmer betreten, setzten uns hin, dann brummte es eine Weile und wenn sich die Tür öffnete, waren wir in einem schönen Wald, an einem breiten Fluss oder mitten in einer Stadt. Manchmal, wenn das Zimmer nur lange genug gebrummt hatte, fand ich mich am Meer, an einem Strand mit unendlich viel Sand, mit auffliegenden Möwen und salzigem Wasser; oder in einer Gebirgslandschaft mit glitzerndem Schnee, eisigen Wegen und gefrorenen Bächen.

Er ist Allmächtig. Er bestimmt, was uns umgibt, wenn sich das brummende Zimmer öffnet und wann die Tür auch wieder bei uns zu Hause aufgeht. So als wäre man nie fort gewesen. Ich bin sicher, dass Er die Zeit bestimmt. Kleine Zeitreisen mit mir unternimmt. Denn um das Zimmer herum fand ich nie die winzigsten Spuren von dem was vorher war, kein geringster Geruch mehr von dem, was ich vorher gesehen und gerochen hatte. Einfach Wunderbar.

Viele Jahre, mein ganzes Leben nun habe ich Ihn treu begleitet. Meinen allmächtigen Vater. Habe auch gewacht, an seinem Bett wenn er einmal krank war, was jedoch ganz selten vorkam. Ich begleitete Ihn fast jeden Tag zu seinen wichtigen Aufgaben. Dann setzte er sich in ein besonderes Zimmer, in dem er stundenlang in einen Rahmen mit seltsam flimmernden Zeichen starrte, auf einem Tablett mit ebensolchen sonderbaren Zeichen leise mit den Fingern tappte; während ich meistens ein wenig schlief, bis ich ihn dann wieder auf einem Spaziergang begleiten durfte und sein Tagewerk ein Ende nahm.

Jedoch, während ich diese Zeilen schreibe, ist mein Körper ein wenig schwach. Das Herumtollen fällt mir nicht mehr leicht. Oft bin ich sehr müde. Meine Augen sind schon trüb, meine Ohren fast taub. Ich bin alt geworden. Aber Er, mein allmächtiger Vater, ist immer noch so, wie am ersten Tage: Mit vollen dunklen Haaren, blitzenden Augen, grauen Schläfen, vielleicht doch die eine oder andere Falte mehr, aber immer noch so groß und so stark wie er war… damals, als ich noch ein Welpe war.

Und wenn ich eines Tages – in nicht allzu weiter Ferne – dann nicht mehr bin, meine Kinder alt und meine Enkel groß, wird Er bestimmt noch immer weilen. So, wie einst, als ich Ihn traf:
Kein bisschen schwächer, kein bisschen älter.

Und so glaub ich schließlich fest, das Er wohl unsterblich ist.

 
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